Wegwerfen oder Reparieren - „Wir können Teile retten, die wir früher entsorgt hätten“

01.10.2020: Wiederaufbereitete Ersatzteile, weniger Materialverschleiß, nachhaltigere Reparaturtechniken: Hamid Hesso, Werkstattleiter Karosserie bei der MAHAG Automobilhandel & Service GmbH & Co. oHG in München erzählt, wie Nachhaltigkeit Einzug in die Autowerkstatt erhalten hat. Das Interview

Nachhaltigkeit ist heute in allen Bereichen der Gesellschaft wichtig: Wie ist das in der Autowerkstatt, wird mehr repariert und weniger weggeworfen?
Hamid Hesso: Aus meiner Sicht würde ich sagen: Ja. Schauen wir zum Beispiel auf die Totalschäden: Man unterscheidet eigentlich zwischen wirtschaftlichem Totalschaden und technischem Totalschaden. Aber mittlerweile sind die technischen Möglichkeiten so groß, dass eigentlich alles repariert werden kann. Auch bei Schäden, die sich leichter beheben lassen, versuchen wir erstmal jedes Teil wiederzuverwenden und nichts wegzuwerfen.

Was sind das für Autos?
Hamid Hesso: Das sind Fahrzeuge mit einem niedrigen Wiederbeschaffungswert. Wenn die Reparatur teurer als dieser Wert ist, spricht man von einem wirtschaftlichen Totalschaden. Mit den Stundensätzen, die heute üblich sind, kommt man schnell an diese Grenze.

Und dann? Schrottpresse?
Hamid Hesso: Nein, ich habe in meinem Berufsleben noch nie gesehen, dass ein Auto in die Schrottpresse kam. Es läuft so: Ein Sachverständiger ermittelt einen Wiederbeschaffungswert und falls die Reparaturkosten 50 Prozent über diesem Wert liegen, werden die Fahrzeuge in Gebrauchtwagenbörsen eingestellt – europaweit. Sogar Altfahrzeuge – bei denen wir manchmal denken ‚Das ist doch nichts mehr wert‘ – können über die Börsen noch veräußert werden. Anhand dieser drei Größen – Wiederbeschaffungswert, Schadenhöhe und Restwertangebote – können Kunde und Werkstatt das weitere Vorgehen besprechen: Entweder, er lässt das Fahrzeug richten und behält es. Oder das Fahrzeug wird mit Schaden über die Restwertbörse verkauft. Dann kann der Kunde bei unseren Neu-Gebrauchtwagen-Verkäufern natürlich ein anderes Fahrzeug erwerben.

Das heißt: Sobald die erwarteten Reparaturkosten den Wiederbeschaffungswert des Autos klar überschneiden, wird es verkauft?
Hamid Hesso: Im Prinzip ja: Aber wir haben mit verschiedenen Versicherungen und Leasinggesellschaften Rahmenverträge, in denen niedrigere Stundenverrechnungssätze vereinbart sind. Dadurch können wir mehr Stunden am Fahrzeug arbeiten und so den wirtschaftlichen Totalschaden noch für den Kunden retten. Außerdem haben wir die Mahag 4+ Card, dadurch erhalten Kunden besondere Konditionen für Fahrzeuge ab dem vierten Jahr. Volkswagen bietet ebenfalls Service-Angebote für die Segmente II und III, also Fahrzeuge die mehr als vier Jahre alt sind.

Zudem gibt es die „130-Prozent-Regel“. Was verbirgt sich dahinter?
Hamid Hesso: Bei Haftpflichtschäden kann der Kunde eine Reparatur von bis zu 30 Prozent über dem Wiederbeschaffungswert von der Versicherung verlangen. Die Regel gibt es, um dem ideelen Wert, den viele Fahrzeughalter in ihrem Auto sehen, gerecht zu werden. Aber diese Regel hilft uns auch, weil wir mehr Fahrzeuge in Stand setzen können. Das kommt wiederum der Umwelt zu Gute: Weniger eigentlich fahrtüchtige Autos werden zu wirtschaftlichen Totalschäden. Es wäre einfach schade um diese Autos.

Abgesehen von den Totalschäden – welche Rolle spielt Nachhaltigkeit außerdem in ihrer Werkstatt?
Hamid Hesso: Früher war das bei uns und den Kunden kaum ein Thema, da bin ich ehrlich. Nachhaltig hieß höchstens: Spritkosten und Steuern sparen. Heute ist Nachhaltigkeit ein gemeinsames und großes Thema – sowohl für den Kunden als auch für die Mitarbeiter. Durch die heutigen Instrumente in der Werkstatt wie Energiemanagement und Umweltmanagement sind wir alle sensibilisierter als früher. Die Kollegen schalten zum Beispiel unnötige Beleuchtungen in den Pausenzeiten aus. Außerdem werden Heizkörper runtergefahren, wenn die Werkstatt oder Büros nicht besetzt sind. Wir kippen auch nicht mehr permanent die Fenster, sondern setzen auf Stoßlüften. Sobald Maschinen und Luftanschlüsse auch nur minimalste Undichtigkeiten aufweisen, werden sie instandgesetzt.

Heute werden ja auch alte Teile aufbereitet und wieder auf den Markt gebracht.
Hamid Hesso: Genau: Audi und Volkswagen verkaufen bewusst auch wiederaufbereitete Teile. Typischerweise Aggregate, also Motor, Getriebe, Lenkgetriebe. Mittlerweile gibt es sogar diverse Steuergeräte und Navigationssysteme, die wiederaufbereitet sind.

Bemerken Sie da einen qualitativen Unterschied zu neuen Ersatzeilen?
Hamid Hesso: Eindeutig nein. Man merkt keinen Unterschied.

Das Stichwort heißt Kreislaufwirtschaft: Nimmt das zu?
Hamid Hesso: Ja. Das sieht man ganz gut bei unserem Container für Altmetall in der Werkstatt. Der war früher deutlich voller, weil wir viele Motoren und Getriebe entsorgt haben. Heute wird das nahezu alles eingeschickt.

Was fällt noch alles darunter?
Hamid Hesso: Egal ob Papier, Blech, Motorteile, Getriebe, Bremsflüssigkeiten – es wird nahezu alles sortiert, abgeholt und über das Vertriebszentrum von Volkswagen und Audi abgefertigt. Wenn ich dort also 100 Reifen bestelle, dann schicke ich 100 Reifen wieder zurück. Oder wenn wir in den Fahrzeugen Batterien austauschen, senden wir die alten Batterien auch wieder zurück.

Was hat sich bei der Reparaturarbeit in Sachen Nachhaltigkeit getan?
Hamid Hesso: Durch neue Technologien ist heute viel mehr möglich. Zum Beispiel bei stark eingedrückten Seitenteilen. Früher wäre die Stabilität des Karosseriebauteils oft nicht mehr gewährleistet gewesen, wir wären bei einer Wärmebehandlung von Bauteilen schnell an die Grenzen der Instandsetzungsmöglichkeiten gekommen. Mittlerweile haben wir Schweißgeräte mit Inverter-Technologie, mit Lötverfahren, wo ganz wenig Wärme ins Bauteile reinkommt. Wir haben auch Instandsetzungsmöglichkeiten, wo wir Oberflächen kleben und ohne Wärmeeinfluss rückverformen. Somit können wir Teile retten, die wir früher entsorgt hätten. Das Ergebnis: Am Schluss entsteht einfach weniger Müll. Dazu kommt noch: Die Fahrzeuge sind heute qualitativ hochwertiger. Sie halten länger. Es ist immer seltener, dass wir mal einen Motor ersetzen müssen. Zum Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz gehört aber auch, den Kunden rechtzeitig zu informieren, falls sich die Reparatur nicht mehr lohnt. Wir arbeiten sehr eng mit unseren Neu- und Gebrauchtwagen-Abteilungen zusammen und versuchen rechtzeitig, einen Verkäufer einzuschalten um den Kunden beraten.

Es gibt bei Ihnen auch eine Lackiererei. Lackieren galt früher alles andere als umweltfreundlich. Was hat sich da verändert?
Hamid Hesso: Die Anlagen sind heute bei weitem umweltfreundlicher. Auch die Lacke sind umweltfreundlicher als früher. Außerdem brauchen wir durch die neuen Reparaturverfahren einfach weniger Lackmaterial. Früher musste man bei einem Seitenteil die Hälfte der Lackierung abschleifen und dann anfangen, mit Wärmebehandlung rückzuverformen. Mittlerweile geschieht das sehr punktuell. Daher ist der Aufwand für die Vorbereitung der Lackierungen viel geringer als früher. Also ein dreifacher Vorteil: Weniger Material, weniger Umweltbelastung und weniger Zeitaufwand pro Bauteil.

Karosserie Auto Werkstatt
Karosserie Auto prüfen
Karosserie Auto schleifen

* Die angegebenen Verbrauchs- und Emissionswerte wurden nach den gesetzlich vorgeschriebenen Messverfahren ermittelt. Seit dem 1. September 2017 werden bestimmte Neuwagen bereits nach dem weltweit harmonisierten Prüfverfahren für Personenwagen und leichte Nutzfahrzeuge (Worldwide Harmonized Light Vehicles Test Procedure, WLTP), einem realistischeren Prüfverfahren zur Messung des Kraftstoffverbrauchs und der CO2-Emissionen, typgenehmigt. Ab dem 1. September 2018 wird der WLTP schrittweise den neuen europäischen Fahrzyklus (NEFZ) ersetzen. Wegen der realistischeren Prüfbedingungen sind die nach dem WLTP gemessenen Kraftstoffverbrauchs- und CO2- Emissionswerte in vielen Fällen höher als die nach dem NEFZ gemessenen. Dadurch können sich ab 1. September 2018 bei der Fahrzeugbesteuerung entsprechende Änderungen ergeben. Weitere Informationen zu den Unterschieden zwischen WLTP und NEFZ finden Sie hier: www.volkswagen.de/wltp, www.audi.de/wltp, www.porsche.com/wltp, www.skoda-auto.de/unternehmen/wltp, und www.seat.de/ueber-seat/wltp-standard.html.

Aktuell sind noch die NEFZ-Werte verpflichtend zu kommunizieren. Soweit es sich um Neuwagen handelt, die nach WLTP typgenehmigt sind, werden die NEFZ-Werte von den WLTP-Werten abgeleitet. Die zusätzliche Angabe der WLTP-Werte kann bis zu deren verpflichtender Verwendung freiwillig erfolgen. Soweit die NEFZ-Werte als Spannen angegeben werden, beziehen sie sich nicht auf ein einzelnes, individuelles Fahrzeug und sind nicht Bestandteil des Angebotes. Sie dienen allein Vergleichszwecken zwischen den verschiedenen Fahrzeugtypen. Zusatzausstattungen und Zubehör (Anbauteile, Reifenformat, usw.) können relevante Fahrzeugparameter, wie z. B. Gewicht, Rollwiderstand und Aerodynamik verändern und neben Witterungs- und Verkehrsbedingungen sowie dem individuellen Fahrverhalten den Kraftstoffverbrauch,, den Stromverbrauch, die CO2-Emissionen und die Fahrleistungswerte eines Fahrzeugs beeinflussen. Weitere Informationen zum Kraftstoffverbrauch: http://www.dat.de/co2